Omnia sponte fluant

Ein philosophischer Rundgang durch den Comenius-Garten in Rixdorf

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Johann Amos Comenius (1592 – 1670) ist einerseits vor allem als bedeutender Pädagoge und Schulreformer bekannt. Andererseits pflegt man sein Andenken als «letzten Bischof der Böhmischen Brüder», die aus der hussitischen Reformation hervorgingen und nach 1648 zunächst nicht institutionell fortbestehen konnten. Einige ihrer Nachfahren durften sich 1737 in Rixdorf, also im heutigen Bezirk Neukölln von Berlin, ansiedeln. Wo damals zunächst Ackerflächen unmittelbar neben dem Dorf waren und später eine «Mietskaserne» stand, wurde Anfang der 1990er Jahre der Comenius-Garten angelegt und 1995 eröffnet. Die Gartenplanung versteht sich als wissenschaftshistorische Rekonstruktion des Werkes von Comenius. Dies ist aber – mit Absicht – für uninformierte Besucher nicht zu erkennen, sondern wird erst im Gespräch und bei Rundgängen vermittelt. In dem Buch werden die Philosophie, Pädagogik und Theologie des Comenius, die die Gestaltung bestimmt haben, ausführlicher dargestellt, die ideen- und wissenschaftsgeschichtlichen Hintergründe ausgeleuchtet und den Bezug zur Gegenwart hergestellt.

Der Text schließt sich im Aufbau eng an den Weg durch den Garten und das Böhmische Dorf an, der für einen Rundgang mit Besuchern vorgesehen ist. Dabei passiert man Beete, Accessoires, weitere Anlagen und lokale Gegebenheiten, mit denen zahlreiche Gegenstände des Gesamtwerks des Cominius und dessen wissenschaftsgeschichtliches Umfeld thematisiert werden. Der Plan orientiert sich zunächst an der Pampædia. In diesem Werk hat Comenius das Leben des Menschen als eine Aneinanderreihung von Schulen dargestellt, die von der «Schule des vorgeburtlichen Werdens» bis zur «Himmlischen Akademie» reicht. Zusätzlich wird auf zahlreiche andere Werke verwiesen. Dabei werden – anders als in der Tradition – die philosophische Schriften des Autors und das Umfeld der entstehenden modernen Naturwissenschaften hervorgehoben. Im Text werden die Problemkreise, die an den einzelnen Stationen angesprochen werden, referiert, reflektiert und vertieft. Dabei wird über das hinausgegangen, was die Gartenplanung selbst motiviert hat.

Die Stationen sind nach ästhetischen Gesichtspunkten auf die Themen aus dem Werk des Comenius zugeschnitten, sodaß sich eine Repräsentation von Diskursen des 17. Jahrhunderts in unserer Zeit ergibt. In der Anlage des Gartens wird darin eine Methode der seinerzeit verbreiteten Mnemotechnik erkennbar, geistige Gegenstände an Orte im Raum zu koppeln, damit man sich leichter an sie erinnern kann. Drei Beispiele: Mit dem Spielplatz neben dem Garten wird die Vorschule namens «Mutterschul» verknüpft. Neben der Kleinkindpädagogik, wird hier bereits die Nähe des Comenius zum Sensualismus kenntlich. Ein Rosenbeet bezieht sich auf eine Schulklasse, die der Schulreformer «Rosenhain» nannte, und zugleich auf die Rosenkreuzer, mit denen er in Beziehung treten wollte. Mit einer Laube wird auf die sechste Klasse, dem «Seelenparadies», und ihre Aufgaben hingewiesen, zugleich auf Comenius’ Roman über den Lebenszweifel Das Labyrinth der Welt ... und Das Paradies des Herzens. Dessen Erörterung wird weitergeführt zu einem Vergleich des Autors mit Descartes. Letzterer gelangt zu einem Gottesbeweis, der an das berühmte ego cogito, ergo sum angeschlossen wird, erster zu christlicher Praxis und zu einem überindividuellen cogitat Mens, ergò est. Einige Themen werden in der Dissertation ausführlich behandelt, insbesondere die «mosaische Physik» des Comenius, das «Dreieck der Weisheit» und die drei Methoden der vollständigen Erkenntnis:

I.

Comenius entfaltet einen triadischen Begriff von der Welt, deren Prinzipien Materie, Geist und Licht sind. Er bedient sich dabei vermittelnd und verändernd der Traditionen der Auslegung des Sechstagewerks im ersten Buch Mose, des Aristotelismus und des Paracelsismus. Mit dem Rückgriff auf die Bibel ist die dritte Quelle der Erkenntnis neben den Sinnen und der Vernunft angegeben: die Offenbarung. Dabei steht die Offenbarung anders als bei den heutigen Creationists nicht in Widerspruch zur Naturwissenschaft. Anders als in der natürlichen Theologie dient nicht die Natur der Gotteserkenntnis, sondern die Offenbarung der Naturerkenntnis. Das Licht (oder auch Feuer), das nicht als Element verstanden wird, sondern als instrumentelles Prinzip an Stelle der aristotelischen Steresis (privatio), bewirkt sowohl die Entwicklung und das Leben der Natur als auch Erkenntnis und Fortschritt in der menschlichen Gesellschaft. Der Geist, der nicht auf die individuelle menschliche mens (engl. mind)reduziert wird, sondern die Form und Struktur der Dinge umfaßt, dient der Erklärung der Wirkweise von Arzneien. Die Materie – abstrakter als in heutiger Naturwissenschaft begriffen – bekommt erst durch Geist und Licht ihre sich wandelnde Gestalt. Diese heute fremd erscheinende vormechanistische Naturphilosophie war durch das Schulbuch Physik des Comenius weit verbreitet. Ihre Darstellung wirft ein Licht auf den Hintergrund, von dem sich die neuzeitliche Physik und Chemie mit ihren neuen Paradigmen der Erklärung absetzten.

II.

Dreieck der Weisheit

Der Mensch hat Comenius zufolge einen dreifachen Zugang zu den Dingen, nämlich im Denken, Sprechen und Handeln, die alle drei geschult werden müssen. Die entsprechenden Disziplinen sind Logik, Grammatik und Pragmatik. Sie sind aber nicht als getrennte Fächer zu verstehen. So ist z. B. das Sprechen praktisch zu üben. Mit der Einführung der Pragmatik als Lehre vom Tun-Können in den Unterricht wird das traditionelle Trivium aus Grammatik, Rhetorik und Dialektik aufgelöst. Im Buch wird gezeigt, wie Comenius dazu gelangt ist, den Menschen als Handelnden zu verstehen, sodaß die Welten der Dinge, des Denkens und des Sprechens nicht mehr unverbunden gegenüberstehen. Im Garten wird dies durch eine Bühne, thematisiert, deren Gestaltung der Abbildung «Dreieck der Weisheit» im Buch Allgemeine Dreiheit nachempfunden ist. Benannt ist die Bühne nach dem didaktischen WerkSchola ludus, das den integralen Unterricht in Denken, Sprechen, Handeln und Wissensvermittlung zum Gegenstand hat.

III.

Comenius nennt drei Methoden, die zusammen die vollständige Erkenntnis ausmachen: die Analysis, die Synthesis und die Synkrisis. Sie werden von ihm mit drei optischen Instrumente (Teleskop, Mikroskop, Spiegel) veranschaulicht. Im Garten sind solche Geräte auf einem Steinpodest aufgestellt. Gemeint ist die Erkenntnis der Einzelteile und die ihres Zusammenhangs im Ganzen sowie die im Vergleich. Auf letztere, die Synkrisis, wird im Text besonders eingegangen, weil sie im erkenntnistheoretischen Zusammenhang in Vergessenheit geraten ist. Sie wird wort- und begriffsgeschichtlich hergeleitet und zu den ähnlichen Ansätzen der Metaphorologie und des Idealtypus in Beziehung gesetzt.

Zwei Anhänge dienen dazu, das Denken des Comenius geistesgeschichtlich besser einzuordnen und zu charakterisieren. Insgesamt ergibt sich das Bild eines Autors der, christlich-chiliastisch motiviert, das Wissen und die Wissenschaften ordnen und anwenden will, um die Welt zu verbessern. Er ist damit alles andere als esoterisch orientiert, nämlich pansophisch. Wegen seiner wissenschaftlichen Herkunft und seiner Argumentationsweise muß die angebliche Nähe zum «Neuplatonismus» bestritten werden.

Das Buch ist die erste ausführliche Darstellung dieses Gartens, der einen Zugang zum Werk des Comenius und zur Ideen- und Wissenschaftsgeschichte des 17. Jahrhunderts bietet. Es war als Dissertation Teil meiner Promotion im Jahr 2007 an der Philosophischen Fakultät der RWTH Aachen

Die obigen Abbildungen, das „Dreieck der Weisheit“ und die Vignette „Alles fließe von selbst, Gewalt sei ferne den Dingen“, werden per Mausklick in einem eigenen Fenster vergrößert dargestellt.

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite: Ralf Heinrich Arning
Stand: 31.05.2013